23. Dezember 2025 von Larissa Niedecken

Wir wissen eigentlich, was zu tun wäre, warum tun wir es trotzdem nicht?

Vor einiger Zeit sagte mir ein Vorstand in einem Strategiegespräch einen Satz, den ich seitdem immer wieder höre:

„Wir haben doch alle Analysen. Eigentlich ist alles klar. Und trotzdem kommen wir nicht ins Tun.“

Dieser Satz beschreibt kein Wissensproblem.
Er beschreibt ein Entscheidungsproblem.

In vielen Organisationen ist erstaunlich genau bekannt, was getan werden müsste. Strategien liegen vor, Risiken sind analysiert, Optionen durchdacht. Häufig wurden dafür erhebliche Budgets investiert, renommierte Beratungshäuser eingebunden, Best Practices eingekauft. Und trotzdem bleibt Bewegung aus. Nicht, weil Menschen unfähig wären, sondern weil Entscheiden in komplexen Transformationen heute etwas anderes bedeutet als früher.

Fast immer folgt in diesen Gesprächen ein zweiter Satz, meist leiser, manchmal auch genervt:

„Wir haben doch schon für viel Geld Berater eingekauft. Jetzt sollen wir schon wieder jemanden dazuholen? Wir wissen doch eigentlich, wie es geht.“

Genau hier liegt der Kern des Problems. Es fehlt nicht an Wissen. Es fehlt an Übersetzung ins eigene System.

Ich erlebe häufig, dass externe Beratung hervorragende Inhalte liefert: Zielbilder, Roadmaps, Operating Models. Doch sobald die Berater:innen gehen, bleibt die Organisation mit offenen Fragen zurück. Wer entscheidet jetzt was? Was bedeutet das konkret für unsere Struktur, unsere Kultur, unsere Spannungen? Best Practices funktionieren selten eins zu eins. Nicht, weil sie schlecht sind, sondern weil sie ohne systemische Einbettung nicht anschlussfähig sind.

In nahezu allen Transformationsprojekten, die ich begleite, taucht irgendwann dieselbe Dynamik auf. Entscheidungen werden vorbereitet, diskutiert, weitergereicht aber nicht getroffen. Dann fallen Sätze wie: „Das müssen wir noch abstimmen.“ Oder: „Dafür brauche ich Rückendeckung.“ Manchmal auch: „Das kann ich nicht allein entscheiden.“ Oder sehr ehrlich: „Das Risiko ist mir zu hoch.“

Auf den ersten Blick klingt das nach Vorsicht. Auf Systemebene zeigt sich jedoch etwas anderes: Es fehlt eine klare Entscheidungsarchitektur.

Viele Unternehmen haben saubere Projektpläne, Governance-Strukturen und detaillierte Roadmaps. Was oft fehlt, ist Klarheit darüber, wer tatsächlich entscheidet, was überhaupt entschieden werden darf, welche Entscheidungen reversibel sind und wo Verantwortung wirklich liegt. Wo diese Klarheit fehlt, entstehen Grauzonen. Und in Grauzonen übernimmt niemand gern Verantwortung. Entscheidungen werden vertagt, eskaliert oder so lange besprochen, bis sie sich scheinbar von selbst erledigen. Das Ergebnis ist kein Mehr an Sicherheit, sondern Stillstand.

Aus Business-Sicht ist das hoch relevant. Studien und Projekterfahrungen zeigen, dass Entscheidungsverzögerungen die Laufzeit von Transformationsprojekten um 20 bis 40 Prozent verlängern können. Gleichzeitig steigen Nacharbeiten, Eskalationen und Reibungsverluste deutlich. Was als Absicherung gedacht war, erhöht am Ende Kosten, Frustration und Vertrauensverlust.

Dass Verantwortung abgegeben wird, ist dabei selten eine persönliche Schwäche. Es ist meist ein erlerntes Muster. Viele Führungskräfte sind in Systemen sozialisiert worden, in denen Fehler sanktioniert und Entscheidungen im Nachhinein kritisch bewertet wurden. Verantwortung war mit persönlichem Risiko verbunden. In solchen Kontexten entsteht ein innerer Schutzmechanismus: lieber nicht entscheiden, als falsch entscheiden. Je höher die Unsicherheit in Transformationen, desto stärker greift dieser Reflex.

Ein Blick auf den interkulturellen Kontext hilft, diese Dynamik besser zu verstehen. Der sogenannte Uncertainty Avoidance Index zeigt, wie unterschiedlich Kulturen mit Unsicherheit umgehen. Länder wie Deutschland oder Japan haben eine hohe Unsicherheitsvermeidung. Es besteht ein starkes Bedürfnis nach Regeln, Absicherung und Planbarkeit. In Kulturen mit niedrigerer Unsicherheitsvermeidung, etwa in Großbritannien oder den USA, werden Entscheidungen häufiger iterativ getroffen. Lernen gilt dort als Teil des Entscheidungsprozesses, Unschärfe als normal.

In deutschen Organisationen erlebe ich deshalb häufig, dass Transformation zuerst „sicher geplant“ werden soll, bevor sie beginnt. Paradoxerweise kommt sie gerade dadurch nicht in Bewegung. Das ist kein kulturelles Defizit, sondern ein Muster. Und Muster lassen sich erkennen und gestalten.

Was oft übersehen wird: Auch Nicht-Entscheiden ist eine Entscheidung. Es sendet Signale von Unsicherheit, fehlender Orientierung und mangelnder Verbindlichkeit. Teams empfinden das als zermürbend. Viele Menschen sind nicht erschöpft, weil zu viel passiert, sondern weil nichts klar entschieden wird.

Entscheidungskraft entsteht deshalb nicht durch mehr Mut oder mehr Druck, sondern durch Strukturen, die Unsicherheit erlauben. In meiner Arbeit gestalte ich mit Führungsteams klare Entscheidungsräume. Wir klären, welche Entscheidungen Lernentscheidungen sind, welche Richtungsentscheidungen, was ausprobiert werden darf und was bewusst abgesichert werden muss. Iterative Entscheidungen sind dabei kein Risiko, sondern ein Sicherheitsnetz. Sie reduzieren das Gesamtrisiko, weil Fehlannahmen früh sichtbar werden und nicht erst am Ende korrigiert werden müssen.

Ich arbeite gern in komplexen Systemen. Nicht trotz der Komplexität, sondern wegen ihr. Dort, wo Spannungen sichtbar werden, wo Interessen kollidieren und einfache Lösungen nicht greifen, entfaltet mein Methodenkoffer seine Wirkung. Was ich bewusst anders mache als viele große Beratungsansätze, ist die Transferleistung. Jedes Projekt beginnt für mich mit Zuhören, Beobachten und einem ehrlichen Blick auf den Status quo. Erst dann entscheide ich, welche Methoden und Vorgehensweisen hier wirklich passen. Bei mir gibt es kein Projekt zweimal, weil auch kein System dem anderen gleicht.

Transformation kommt ins Tun, wenn Komplexität nicht reduziert, sondern bewusst gestaltet wird. Wenn Verantwortung klar geregelt ist, Entscheidungen lernfähig gedacht werden und kulturelle Prägungen mitgedacht sind. Nicht, weil Menschen plötzlich mutiger werden, sondern weil sie endlich dürfen.

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Ich begleite Führungsteams genau in den Phasen, in denen klar ist, dass Veränderung notwendig ist, aber weder der Weg noch die konkreten Antworten bereits vorliegen.
Dort, wo Unsicherheit entsteht, Wissen erst aufgebaut werden muss und der Transfer in eine tragfähige Umsetzung noch offen ist, schaffe ich Orientierung, Struktur und handhabbare nächste Schritte.

👉 Wenn Sie wissen, dass Veränderung nötig ist, aber das „Wie“ noch unklar ist, lohnt sich ein Gespräch.

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