13. August 2026 von Larissa Niedecken

Neugier gilt im Kindergarten als Stärke. Im Management oft als Schwäche.

Warum Unternehmen Innovation fordern und gleichzeitig die Bedingungen schaffen, unter denen niemand eine unfertige Idee äußert. Über Führung, Fehlerkultur und psychologische Sicherheit.

Ein dreijähriges Kind, das ständig fragt und ausprobiert, gilt als aufgeweckt. Eine Führungskraft, die in einem Strategiemeeting laut fragt „Warum eigentlich?“, gilt schnell als jemand, der den Prozess aufhält. Zwischen Kindergarten und Vorstandsetage kippt die Bewertung derselben Eigenschaft komplett.

Ich begleite gerade ein Unternehmen dabei, mit dem Führungsteam gemeinsam zu erarbeiten, wie sie mehr Verantwortung an die Mitarbeitenden abgeben und sie aktiv in Themen einladen können, die bisher ausschließlich oben entschieden wurden. Ein Teil davon: Die Führungskräfte trauen sich, ungewöhnliche Methoden auszuprobieren. LEGO® Serious Play® zum Beispiel.

Die erste Reaktion, als ich das vorgeschlagen habe, kenne ich aus fast jedem Unternehmen: Das wirkt kindisch. Erwachsene, die mit bunten Steinen ein Modell bauen, um über Strategie zu sprechen, passen für viele nicht zum Bild professioneller Arbeit.

Der Kunde hat sich trotzdem darauf eingelassen. Und was seitdem passiert, beschreibt er selbst am treffendsten: Die Energie im Unternehmen kommt zurück. Die Lust, sich mit Themen zu beschäftigen, die vorher niemand angefasst hat, weil sie nicht ins Tagesgeschäft passten.

Der eigentliche Grund, warum Neugier verschwindet

Kinder verlieren ihre Neugier nicht plötzlich. Sie lernen über Jahre, dass fertige Antworten belohnt werden und offene Fragen nicht. Wer in einer Organisation aufsteigen will, merkt früh: Sicherheit zählt mehr als eine gute Frage. Die Frage verschwindet aus Kalkül, nicht aus Desinteresse.

Das ist der Punkt, an dem viele Transformationsprogramme das Problem falsch adressieren. Sie versuchen, Mitarbeitenden Neugier beizubringen, mit Workshops, Trainings, Appellen, und wundern sich anschließend, warum so wenig davon ankommt. Dabei war die Fähigkeit nie weg. Sie wird von genau den Strukturen unterdrückt, die ein Unternehmen selbst aufgebaut hat: Bewertungssysteme, die Fehler bestrafen, eine Meetingkultur, die fertige Antworten erwartet, Karrierepfade, die Sicherheit vor Mut belohnen. Viele Führungsteams beklagen fehlende Eigeninitiative, nachdem sie ihre Mitarbeitenden jahrelang genau darauf trainiert haben, keine zu zeigen.

Ich nenne dieses Muster das Transformations-Paradox: Unternehmen fordern ein Verhalten wie Neugier, Eigeninitiative oder Risikobereitschaft, und bestrafen es im selben Atemzug über ihre eigenen Bewertungs- und Karrieresysteme. Das Verhalten, über das sich Führungsteams beschweren, ist meistens genau das Verhalten, das sie selbst trainiert haben.

Neugier als Frühwarnsystem

Was in diesem Prozess wirklich auf dem Spiel steht, ist mehr als gute Stimmung. Neugier als Frühwarnsystem bedeutet: Fragen und unfertige Gedanken sind meistens die ersten Signale für ein Problem oder eine Chance, lange bevor beides in einer Kennzahl auftaucht. Wenn niemand mehr fragt, verliert eine Organisation genau dieses Frühwarnsystem. Sie merkt Probleme erst, wenn sie schon teuer geworden sind.

In dem Unternehmen, das ich gerade begleite, hat sich dadurch etwas verschoben, das sich schwer in einer einzelnen Kennzahl fassen lässt. Mitarbeitende, die vorher in Meetings kaum etwas gesagt haben, bringen jetzt Ideen ein, die vorher nie den Weg an die Oberfläche gefunden hätten. Sie hatten diese Ideen vermutlich schon länger. Nur nie den Raum, sie unfertig zu äußern.

Diese Beobachtung greife ich auch regelmäßig in meinen Keynotes auf: Die Frage ist selten, ob Menschen neugierig sind. Die Frage ist, ob eine Organisation ihnen erlaubt, es zu zeigen.

Business Impact

Wo Neugier fehlt, zeigt sich das selten sofort, dafür flächendeckend. Gute Ideen bleiben ungesagt, weil das Risiko, mit einem unfertigen Gedanken schlecht dazustehen, höher wirkt als der mögliche Gewinn. Probleme werden erst spät sichtbar, weil niemand frühzeitig eine unbequeme Frage gestellt hat. Innovationsprojekte laufen ins Leere, weil sie vor allem aus fertigen, sicheren Vorschlägen bestehen, denen die eigentliche Substanz fehlt.

Kulturen, die Neugier aktiv zulassen, gewinnen an einer Stelle, die sich langfristig auszahlt: Sie bekommen Signale früher.

Fazit

Menschen verlernen das Fragen nicht. Sie werden zu selten dazu eingeladen, und irgendwann hören sie auf zu fragen, weil es sich nicht lohnt. Neugier ist keine Charaktereigenschaft, die manche Mitarbeitende haben und andere nicht. Sie ist eine Ressource, die ein Arbeitsumfeld entweder nutzt oder verschüttet. Der Abstand zwischen der Neugier, die Menschen mitbringen, und dem Raum, den ein Unternehmen ihr lässt, ist das, was ich die Gestalter-Lücke nenne. Am Ende geht es immer um dieselbe Frage: Welche Bedingungen brauchen Menschen, damit sie wieder zu Gestaltern werden, statt nur Anweisungen zu folgen?

Sprechen Sie mich an

Wenn Sie merken, dass in Ihrem Unternehmen viele fertige Antworten kursieren, aber kaum noch echte Fragen, lohnt sich ein Blick darauf, wo Neugier gerade keinen Platz findet.

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