2. September 2026 von Larissa Niedecken

Organisationen erzeugen das Verhalten, über das sie sich später beschweren

Was Unternehmen von kindlichem Lernen über Fehlerkultur, Veränderungskompetenz und Führung lernen können.

Ich beobachte meine Tochter oft dabei, wie sie etwas ausprobiert, das nicht klappt. Sie baut einen Turm, er fällt um, sie fängt sofort wieder an. Kein Zögern, keine Scham, keine lange Analyse, was schiefgelaufen ist. Sie testet einfach die nächste Variante.

Genau an diesem Punkt arbeite ich gerade in meinem Buch: dem Moment, in dem diese Selbstverständlichkeit im Berufsleben verschwindet. Hier teile ich nur einen kleinen Ausschnitt davon.

Der Unterschied liegt nicht im Talent

Erwachsene verlernen das Ausprobieren nicht, weil ihnen die Fähigkeit dazu fehlt. Ein Kind, das einen Turm baut, riskiert nichts außer ein paar heruntergefallene Bausteine. Eine Mitarbeiterin, die eine Idee vorschlägt, die nicht funktioniert, riskiert unter Umständen ihren Ruf. Dieser Unterschied prägt, wie viel jemand bereit ist auszuprobieren.

Kinder kalkulieren dieses Risiko nicht, weil in ihrer Welt noch niemand ein System aufgebaut hat, das Fehler dauerhaft bewertet und mit dem eigenen Ansehen verknüpft. In vielen Unternehmen ist genau dieses System längst da, oft unausgesprochen, aber trotzdem wirksam. Und dieselben Strukturen, die dieses System gebaut haben, wundern sich anschließend, warum niemand mehr von sich aus etwas ausprobiert. Das ist eine Spielart dessen, was ich das Transformations-Paradox nenne: Man fordert ein Verhalten ein und bestraft es gleichzeitig über das eigene System.

Was in Meetings davon übrig bleibt

In Workshops sehe ich häufig, wie stark dieses gelernte Risikoverhalten wirkt. Ich stelle eine offene Frage, und die erste Reaktion ist selten eine spontane Idee. Es ist eine kurze Pause, in der viele im Raum abwägen, ob ihr Gedanke schon durchdacht genug klingt, um ihn zu äußern.

Kinder kennen diese Pause kaum. Sie sagen den unfertigen Gedanken einfach, und wenn er sich als falsch herausstellt, macht das wenig aus. Erwachsene haben gelernt, nur das zu sagen, was schon einigermaßen sicher ist. Das reduziert die Menge an Ideen, die in einer Arbeitskultur überhaupt erst zur Sprache kommen, und genau diese fehlende Initiative wird dann in Beurteilungsgesprächen wieder eingefordert.

Eine Führungskraft hat mir das einmal nach einem Workshop fast entschuldigend gesagt: „Ich habe gemerkt, wie ich meinen eigenen Gedanken erst dreimal im Kopf geprüft habe, bevor ich ihn laut gesagt habe.“ Genau dieses Prüfen fehlt Kindern noch komplett, und genau das macht sie zu den mutigeren Denkerinnen im Raum.

In meinen Impulsvorträgen zeige ich Führungskräften dieses Muster oft an ihrem eigenen Bewertungssystem: Was belohnen Sie wirklich, und was fordern Sie nur ein?

Business Impact

Diese gelernte Vorsicht hat einen wirtschaftlichen Preis, auch wenn er selten in einer Kennzahl auftaucht. Viele Unternehmen investieren hohe Summen in Innovationsprogramme und schaffen im selben Atemzug Bewertungssysteme, unter denen kaum jemand ein echtes Risiko eingehen will. Ideen, die als nicht ausgereift genug empfunden werden, bevor sie überhaupt ausgesprochen wurden, gehen dabei komplett verloren. Innovationsprojekte bestehen dadurch häufig aus den immer gleichen, sicheren Vorschlägen, weil die ungewöhnlicheren Gedanken schon vorher aussortiert wurden.

Wer Fehlversuche sichtbar entlastet, zum Beispiel indem Führungskräfte selbst offen über eigene Fehleinschätzungen sprechen, bekommt Zugriff auf genau die Ideen, die sonst gar nicht erst geäußert würden.

Fazit

Kinder verlernen das Ausprobieren nicht, weil sie älter werden. Sie verlernen es, sobald sie merken, dass ein Fehlversuch etwas kostet. Erwachsene haben diesen Punkt meistens längst hinter sich. Die Fähigkeit ist trotzdem noch da, nur überlagert von allem, was seitdem passiert ist. Menschen bringen Veränderungskompetenz mit. Rahmenbedingungen nehmen sie ihnen häufig wieder, Schritt für Schritt, ohne dass es jemand merkt. Wer daran etwas ändern will, muss nicht die Menschen verändern. Er muss den Rahmen verändern, der sie wieder zu Gestaltern werden lässt.

Sprechen Sie mich an

Wenn Sie merken, dass in Ihrem Team selten unfertige Ideen geäußert werden, lohnt sich die Frage, was ein Fehlversuch bei Ihnen aktuell kostet.

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